Mittwoch, 2. Dezember 2009

Tief im Osten


geht die Sonne auf? Wir gehen nach dem vermeidlich „friedlich“ abgelaufen Spiel in Rostock wieder zur Normalität über (hoffentlich nicht, denn die Vorfälle innerhalb unserer eigenen Fanszene bedürfen einer Aufarbeitung). Leider sieht für andere Vereine die Normalität so aus, wie wir sie nur zweimal pro Jahr erleben dürfen. Wir reden von der Bezirksklasse Leipzig und dem Verein Roter Stern aus dem Stadtteil Connewitz, der seit 1999 Teil einer linksalternativen Szene ist. Und eben als solcher sind Spieler und Anhänger des RSL permanent Anfeindungen aus der rechten Szene ausgesetzt. Und diese werden in den letzten Jahren immer schlimmer. Beleidigungen („Dreckszecken, Zigeunerpack“) gehörten fast schon zur Normalität; der farbige Torhüter der D-Jugend Mannschaft wurde 2008 mit den Worten „Neger“ und „Behinderter“ beschimpft, die Mitspieler mit Dreck beworfen (Spieler des TSV Einheit Lindenthal, also 11-12 Jahre alt!!!). Eine Aufarbeitung dieser Ereignisse hat der TSV Einheit bisher verweigert, man solle doch das Geschehen „auf sich beruhen lassen“. Dummejungenstreiche, oder was? Nach dem Aufstieg 2009 der 1. Mannschaft in die Bezirksklasse nehmen die Anfeindungen immer mehr zu. Zum Spiel beim FSV Oschatz waren etwa zehn örtliche Neonazis angetreten, provozierten durch Zeigen des Hitlergrußes, es kam zu Rangeleien, das Spiel musste unterbrochen werden. Die Störer, ausgerüstet mit Shirts mit der Aufschrift „Hatecore – good Night – left Side“, durften sich, ungestört von den Ordnern, auch vor dem Kabinentrakt tummeln und die Spieler des RSL wieder mit Hitlergruß verabschieden. Das scheint die Normalität zu sein; wegschauen, verdrängen, unter den Tisch kehren. Eskaliert ist das Ganze dann am 24.10.09.; Auswärtsspiel beim FSV Brandis, einer 10.000 Seelen Gemeinde, 20 km nördlich von Leipzig und das ist das wirklich Schlimme. Sowohl die Polizei als auch die Vereinsverantwortlichen hatten im Vorfeld erfahren, dass es einen Nazi-Aufmarsch zum Spiel geben würde. Trotzdem stellte die Polizei nur zehn Beamte ab, die dann mit der Situation hoffnungslos überfordert waren. Plötzlich kam eine Stadiondurchsage an die Fans des RSL, sie mögen doch bitte die Seite hinter dem Tor räumen, „die Dummen“ würden ja doch gleich kommen. Augenzeugenberichten zufolge waren es ausgerechnet Ordner des FSV Brandis, die den rechten Schlägern einen separaten Eingang öffneten. Dort in der Nähe waren Eisenstangen, Holzlatten und Steine deponiert, die dann von den etwa 50 Angreifern zum Einsatz kamen, an denen sich auch ein Brandiser Ordner beteiligt haben soll.. Drei Fans wurden schwer verletzt, ein Spieler von RSL erlitt eine Handprellung. Das Spiel wurde nach zwei Minuten vom Schiedsrichter abgebrochen.  Ein Vorstandssprecher des FSV Brandis räumte später ein, man habe dem randalierenden rechten Pöbel bewusst den Eingang geöffnet, „damit sie nicht draußen Autos und Busse demolieren“. Ein Menschenleben für den „unverletzten“ SLK!!!. Wer mal auf die Seite von Sportswire.de schauen mag, findet dort widerliche Kommentare zu diesem Angriff (davon will ich nur die ersten zitieren):  „tolle Aktion der Kameraden!...“Weiter so!...Kommunismus & Antifa-Banden zerschlagen!“ – „richtig, schlagt das rote Pack, wo ihr es trefft!“ – „keinen Fußbreit dem RSL und seinen Anhängern“ (letztgenannter Kommentar stammte im Übrigen von Domenique O., ehemaligem NPD-Mitglied und Mandatsträger, vorbestraft wegen Beleidigung und Volksverhetzung, der auch noch eine andere Historie in Sachen Pädophilie hat...bitte nachlesen im Netz beim Kölner Stadtanzeiger!!!).
Die Verantwortlichen des RSL ermöglichten mir das Interview mit einem Anhänger des Vereins, der in Brandis dabei gewesen ist:

ÜS: Was genau ist passiert? Wie habt ihr das erlebt?
Im Vorfeld der Partie in Brandis bei Wurzen wurden Befürchtungen laut, es könnten eventuell ein paar mehr als die üblichen zwei Handvoll Dorfnazis den Weg zum „Sportplatz des Friedens“ finden. Um unsere bislang erfolgreiche Strategie, mit einem zahlenmäßig überlegenen Anhang den Pöbel mit Nichtachtung zu strafen, auch in der ehemals „National befreiten Zone“ im Osten Leipzigs nachgehen zu können, begleiteten erneut weit über 100 RSL-Supporter ihr Team in die Provinz. Bis kurz vor Anpfiff sah auch wieder alles aus wie immer, rund 10 Nazideppen standen auf der anderen Seite des Sportplatzes und waren hässlich, aber nicht mehr. Du hast ja in deinem Text schon einige Details angebracht, besonders das mit „den Dummen“ hat mich vor Ort etwas verwundert. Dann kehrte ein Kollege mit den Worten „Da kommen noch ganz viele!“ vom Bratwurststand zurück und alsbald ging alles relativ schnell. Besagte 50 Atzen bogen um die Ecke des Vereinsheims, zogen sich ziemlich parallel zum Anpfiff des Spiels Handschuhe und Mundschutz an, pöbelten rum, schwenkten Knüppel und setzten sich alsdann in unsere Richtung in Bewegung. Unsere ziemlich panische Flucht wurde durch die unwegsamen örtlichen Gegebenheiten gebremst, und als uns nichts anderes übrig blieb, als aufs Spielfeld zu rennen, wurde irgendwann wieder unsere zahlenmäßige Überlegenheit deutlich, uns und auch den Angreifern. Einige von uns waren in der Lage, sich ganz gut zu wehren, was wohl den Impuls auslöste, mit vereinten Kräften den Scum von der Anlage zu drängen. Dies gelang schließlich. Es konnte sich um die Verletzten gekümmert werden und dann kam auch irgendwann die Polizei. An Fußball war da nicht mehr zu denken, auch wenn der Schiedsrichter das eventuell anders sieht.

ÜS: Wie beurteilt Ihr das Verhalten der Ordner und derPolizei?
Von den vor Ort gewesenen Sicherheitskräften kann man kaum jemandem Vorwürfe machen, weder den 6 Streifenpolizisten (im Strickpulli und Motoradhelm!), noch den Brandiser Ordnern (ältere Vereinsmitglieder im Trainingsanzug). Gegen den angreifenden Mob hätten die sich nie behaupten können. Was zu kritisieren ist, ist jedoch, dass es sowohl beim FSV Brandis als auch bei der Polizei im Vorfeld des Spiels Hinweise auf einen geplanten Überfall gab. Die Blauäugigkeit des Dorfvereins, statt der üblichen 4 nun 12 Rentner als Ordner abzustellen, nun ja, die haben halt auch noch nie etwas Vergleichbares erlebt und hatten natürlich null Plan. Wenn so eine vage Vermutung im Raum steht, ist auch von der Polizei nicht zu erwarten, dass sie mit einer Hundertschaft zu einem Spiel der 7. Liga anrückt. Ich vermute mal, dass die Beamten vor Ort dann während des Angriffs doch ihre Kollegen benachrichtigten, aber es dauerte auf jeden Fall ewig, bis dann jemand kam. Und die noch am selben Tag herausgegebene Polizeimeldung, „Einsatzkräfte hätten am Rande eines Fußballspiels 2 rivalisierende Gruppierungen getrennt und den Sportplatz daraufhin geräumt“ ist einfach nur lächerlich und grundfalsch! Aber wahrscheinlich ging die Polizei davon aus, dass der RSL es dabei belassen würde und sich zu den Vorfällen, wie so oft bei früheren Angriffen auf linke/alternative Projekte/Gruppen, nicht äußern würde.

ÜS: Sind solche Vorfälle schon öfters passiert?
In dieser Größenordnung ist so etwas noch nicht vorgekommen. Es gab im Jahr 2002 schon einmal einen gezielten Angriff auf den RSL, damals beim Auswärtsspiel in Lützschena, als Fans und Mannschaft während des Spiels von ca. 10 Nazi/Lok-Hools aus dem Gebüsch heraus attackiert wurden. Wie auch in Brandis konnten damals die Angreifer in die Flucht geschlagen werden. Das Spiel konnte daraufhin fortgesetzt werden und endete 1:1.
Zusätzlich gab es in den letzten 10 Jahren immer mal Nazi-Scum auf Seiten der Gegner, aber es blieb so gut wie immer bei Pöbeleien, wohl auch, weil unser Anhang schon zahlenmäßig oftmals weitaus überlegen ist. Mit dem Aufstieg in die Bezirksklasse dieses Jahr häufte sich das Auftauchen von Nazis bei Auswärtsspielen, bereits am 2. Spieltag wurden wir in Oschatz mit dem Hitlergruß empfangen, was zu kurzen Handgreiflichkeiten zwischen den Fanlagern führte. Auch hier wurde das Spiel lediglich unterbrochen und schließlich vom RSL siegreich zu Ende gebracht. Auch die drei folgenden Auswärtsauftritte des RSL im Hinterland von Torgau und Eilenburg wurden von einigen Nazis besucht, welche jedoch vom Sterne-Anhang erfolgreich ignoriert wurden.

ÜS: Wie waren die Reaktionen der Polizei, wie verliefen die Ermittlungen bislang?
Nach der anfänglichen Falschmeldung der Polizei (s.o.) geriet diese bald durch das gewaltige Presseecho unter Druck. Vor dem Hintergrund dieser bislang nicht da gewesenen Qualität von rechter Gewalt war die Polizei zum Handeln verdammt und alsbald traten der sächsische Polizeipräsident und die extra aufgestockte Soko Rex (Sonderkommission Rechtsextremismus) auf den Plan und wollte schnelle Ergebnisse vorweisen. Aber trotz der gemachten Anzeigen, Aussagen und des Beweismaterials (inkl. vieler Fotos und eindeutiger Namenszuordnung im Internet) ist bis heute leider kein einziger der Angreifer verhaftet worden. Wir können nur hoffen, dass das nicht alles irgendwann im Sande verlaufen wird.

 ÜS: Gab es schon andere Anfeindungen gegen den RSL?
Du hattest ja bereits den Vorfall beim D-Jugendspiel letztes Jahr angesprochen. Ein Spiel unserer A-Jugend Anfang 2008 wurde gar nicht erst angepfiffen, da die Spieler des Gastvereins Eintracht Wiederitzsch zur Hälfte in Thor-Steinar-Montur daherkam. Unsere Jugendlichen weigerten sich daraufhin, gegen diese zu spielen.
Das RSL-Vereinsheim „Fischladen“ wurde am 20. April 2008 Opfer eines versuchten Brandanschlags. Zum Glück traf nur ein Stein die Schaufensterscheibe, der Brandsatz selbst nur die Wand des ansonsten überwiegend von Familien bewohnten Hauses.
Gelegentliche Gästebucheinträge und Pöbeleien in diversen Foren gibt es auch, aber die Heldentaten solcher Internet-Hooligans gehen uns eigentlich am Allerwertesten vorbei.

ÜS: Wie waren die Reaktionen der Verbände?
Ich müsste lügen, wenn ich jetzt sagen würde man war bestürzt oder sprach uns irgendwelche Anteilnahme aus. Sicherlich gab es da Reaktionen von Einzelpersonen, auch von anderen Leipziger Vereinen, aber soweit ich weiß, hat sich weder der Leipziger noch der Sächsische Fußballverband offiziell irgendwie gezuckt. Wir warten jetzt auf das Urteil des Sportgerichts, ob wir zum Wiederholungsspiel nach Brandis müssen oder eines der beiden Teams das Spiel am Grünen Tisch gewinnt.

ÜS:  Vielen Dank



DER VEREIN ROTER STERN LEIPZIG 1999 e.V.
Im Frühjahr 1999 fanden sich einige Gestalten zusammen, vornehmlich aus den 5. Herren von Blau-Weiß Leipzig, abgestoßen durch die in fast allen Leipziger Vereinen vorherrschende großdeutsche, oft rassistische oder faschistoide Grundstimmung, um einen eigenen Verein zu gründen, der den herrschenden Vereinen ein alternatives Modell der Fußballkultur entgegenstellen wollte. So begreift sich der Verein RSL als linker, antifaschistischer und antirassistischer Verein, der im Rahmen seiner Möglichkeiten auf eben jene gesellschaftlichen Zustände wie Rassismus, Sexismus, Antisemitismus oder Homophobie hinweisen und dagegen anzugehen versucht. Man engagiert sich seit 10 Jahren bei der Vorbereitung und Ausführung der Mondiali Antirazzizti, organisiert Ausstellungen, Lesungen, BAFF-Treffen ect. und versucht gerade durch Jugendarbeit, antidiskriminierende Standards, nicht nur im Fußball-Umfeld zu vermitteln. Letzten Monat wurde Roter Stern Leipzig für seine Arbeit mit dem Sächsischen Förderpreis für Demokratie ausgezeichnet.
Inzwischen gibt es im Verein fünf Jugendteams, ein Frauenteam, drei „richtige“ sowie ein „altes“ Herrenteam. Trotz dieser Menge an Aktiven hat der RSL weiterhin keinen eigenen Sportplatz zur Verfügung. Er muss sich stattdessen zwei außerhalb von Connewitz gelegene Spiel- und Trainingsstätten mit anderen Vereinen teilen, von deren Seiten dem Verein auch des Öfteren Steine in den Weg gelegt werden. Die Heimspielstätte teilt sich Roter Stern seit 10 Jahren mit Einheit Leipzig Ost, deren Spieler sich teilweise aus dem rechten Hooliganumfeld von Lokomotive Leipzig rekrutieren.


Nachspiel: 
Das zuständige Sportgericht hat nun sein Urteil gesprochen: das Spiel wird neu angesetzt, RS Leipzig muss also demnächst erneut in Brandis antreten; ein Urteil, das bei den Leipzigern natürlich Entsetzen auslöst, vor allem die Begründung: So sagte der Verbandspräsident des Sächsischen Fußballverbandes Rainer Hertle: "Nach zwei Minuten liegt noch kein aussagekräftiges Ergebnis vor, daher haben wir dieses Wiederholungsspiel angesetzt.“  Die Vorwürfe des Gästevereins, ein Ordner habe die Gruppe Neonazis reingelassen, seien laut Hertle "glaubwürdig entkräftet worden. Der Verein hat die ihm zumutbaren Bedingungen für eine ordnungsgemäße Durchführung des Spiels erfüllt, darum trifft ihn keine Schuld." Das sieht RS Leipzig natürlich komplett anders, denn wenn trotz der Vorwarnungen Steine, Holzlatten und Eisenstangen für die Angreifer auf dem Stadiongelände bereitgelegen hatten, dann könne von ordnungsgemäßer Durchführung des Spiels kaum die Rede sein, sagte Sprecherin Claudia Krobitzsch. Eine Einschätzung, der man sich durchaus anschließen kann!!! Die Roten Sterne haben nun noch sieben Tage Zeit, um Einspruch einzulegen. Der wird kommen, sollte er abgelehnt werden, erwägt man einen Boykott des Wiederholungsspiels. Inzwischen war auch die Polizei mal nicht untätig: fünf Männer im Alter zwischen 19 und 28 Jahren wurden festgenommen, die im Verdacht stehen, an der Platzstürmung in Brandis beteiligt gewesen zu sein. Haftbefehl wurde erlassen, Wohnungen wurden durchsucht. Die Verhafteten waren teilweise einschlägig vorbestraft, zwei waren sogar nur auf Bewährung auf freiem Fuß. Alle fünf sind aber „dem gewaltbereiten rechten Spektrum“ zuzuordnen, so die Staatsanwaltschaft. Weitere Ermittlungen laufen noch, da es zahlreiches Foto- und Videomaterial gibt. 

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