Dienstag, 19. Juni 2012

ITALIEN



FIFA-Weltrangliste
12.
UEFA-Koeffizient (Platz)
4.
EM-Titel
1968
EM-Teilnahmen bisher
1968 / 1980 / 1988 / 1996 / 2000 / 2004 / 2008
EM-Qualifikation
Sieger der Gruppe C
Rekordspieler
Fabio Cannavaro (136)
Rekordtorschütze
Luigi Riva (35)
EM-Bilanz gg GER
1988:  1:1 (Vorrunde)
1996:  0:0 (Vorrunde) 

Deutschland hat ja eigentlich einen Vorteil...sie können bei Welt- und Europameisterschaften stets das gleiche Trikot tragen: eines mit drei Sternen über dem Wappen für je drei Titelgewinne.
Italien kann das nicht...bei einer WM dürfen sie mit vier Sternen auflaufen; bei einer Euro nur mit einem, denn beim europäischem Turnier gelang der Squadra Azzurra bislang nur ein Titelgewinn, dem auch noch so ein leichter Makel anhaftet.
Aber das ist bei Italiens Titeln irgendwie immer so.
Der erste WM-Titelgewinn 1934 war so ein ähnlicher Beschiss wie die Olympiade zwei Jahre später in Berlin, bloß ohne Jesse Owens.
Vor allem im Viertelfinal-Wiederholungsspiel gegen Spanien übersah der Schiedsrichter so dermaßen konsequent Fouls der Italiener, daß der Gegner am Ende nur noch acht gesunde Spieler auf dem Platz hatte. Den Spaniern waren zwei klare Elfmeter verweigert und beim Torkopfball zum 1:0 Sieg hatte sich Guiseppe Meazza klar beim spanischen Torhüter aufgestützt.
Im Halbfinale klärte der schwedische Schiedsrichter, der abends zuvor noch von Mussolini zum Essen eingeladen worden war, per Kopf eine Flanke der Österreicher vor dem italienischen Tor – das brachte ihm auch die Ehre ein, das Finale pfeifen zu dürfen und natürlich pfiff er auch das korrekt, ignorierte das überharte Spiel der Italiener, die die Tschechen so lange zusammentraten, bis es in der Verlängerung zum 2:1 reichte.
Vier Jahre später konnte Italien seinen Titel verteidigen – eine Titelverteidigung gelang sonst nur noch Brasilien (1958 – 1962), was vor allem daran lag, daß der italienische Nationaltrainer das bisherige vorherrschende taktische System revolutionierte.
Bisher spielte man mit zwei Verteidigern, drei Mittelläufern und fünf Stürmern, also in einer Art 2-3-5, aus dem Pozzo zwei Stürmer in eine zweite Mittelfeldkette zurückzog, also in ein 2-3-2-3; das verengte die Räume und verkürzte die Wege.
Das war Pozzos Antwort auf die ewig gleiche Frage im Fußball: Was ist wichtiger: ein Tor erzielen oder kein Tor kassieren?
Beides: zunächst mal kein Tor kassieren, dann ein Tor erzielen und dann wieder kein Tor kassieren. Italienische Mannschaften erzielten selten hohe Siege, das 1:0 wurde das Maß aller Dinge und so entstand so langsam der Catenaccio, das den Italienern immer wieder angelastete unattraktive Spielsystem.
Aber wer hat’s erfunden...natürlich die Schweizer und dann auch noch deren österreichischer Nationaltrainer Karl Rappan, der seine Mannschaften in einem 3-2-4-1 System antreten ließ, aus dem bei gegnerischem Ballbesitz dann ein 5-2-2-1 wurde.
Helenio Herrera, von 1960 bis 1968 Trainer von Inter Mailand, gilt vielen als Erfinder des Catenaccio und streitet sich darum mit Nereo Rocco vom Stadtrivalen AC Milan.
In den frühen Sechzigern dominierten die Mailänder Clubs den Europapokal, was aber auch an den vielen internationalen Stars lag – denn in den internationalen Turnieren schlugen sich die Erfolge nicht durch.
Finaler Tiefpunkt war für viele Tifoso das Vorrundenaus bei der WM 1966 nach einer 0:1 Niederlage gegen die „Fußballmacht“ Nordkorea.
Der italienische Verband reagierte drastisch: verhängte einen Importstop für ausländische Fußballer, um so die eigenen Talente zu stärken; eine Maßnahme, die bis 1980 Bestand haben sollte (natürlich konnten Vereine diese Maßnahme umgehen, indem sie Ausländer einbürgerten).
Nachdem zunächst Herrera 1966 die Nationalmannschaft übernommen hatte, folgt ihm recht bald der Triester Vacareggi, dessen erste Maßnahme darin bestand, sich jegliche Einmischung von Verband und Vereinen zu verbeten...so verzweifelt war man in Italien, daß man ihm dies zugestand; ein Unding im bisherigen italienischen Fußball.
Italien bekam es in der Quali zur EM 1968 mit einer relativ leichten Gruppe zu tun; erstmals hatten zu einer Euro mit 31 so viele Nationen gemeldet, daß in acht Gruppen gespielt werden musste, um die Viertelfinalteilnehmer zu ermitteln.
Die Italiener wählten ein häufiges Procedere...die Spieler kommen aus dem Norden, aber die Spiele finden im Süden statt, vor allem in Neapel, wo die Tifosi einfach heißblütiger sind, und vor allem weniger mit den großen Clubs verbandelt, die allesamt aus dem Norden stammen.
Den einzigen Punktverlust leisteten sich die Italiener in der Schweiz (2:2), alle anderen Partien gegen Rumänien (3:1 / 1:0) und Zypern (5:0 / 2:0) wurden klar gewonnen, ebenso wie das Rückspiel gegen die Nati (4:0) und erreichten so das Viertelfinale.
Dort wartete Bulgarien, auch nun nicht als Übermacht im europäischen Fußball verschien. Bis zur 83.Minute führten die Bulgaren in Sofia 3:1, wobei das einzige Tor für die Squadra ein Eigentor von Penew war, dann gelang Prati noch der Anschluß.
Im Rückspiel, das wieder mal vor 78.000 Zuschauern in Neapel stattfand, waren es wieder Prati (vom AC) und Domenghini (von Inter), die den Halbfinaleinzug für die Italiener klarmachten.
Auch wieder ein glückliches Händchen und Gottvertrauen, denn die Vierer-Endrunde war mit der Auslosung des Viertelfinales nach Italien vergeben worden.
Das Halbfinale gegen die UdSSR fand – oh Zufall – wieder in Neapel statt, vor 70.000 Zuschauern im strömenden Regen...nach 90 Minuten stand es 0:0, ebenso nach 120 Minuten – damals war noch kein Elfmeterschießen vorgesehen und eine Wiederholung auch nicht, wegen des engen Zeitplans
So wurde das Spiel durch einen Münzwurf entschieden: der deutsche Schiedsrichter Tschenscher bat die bei den Mannschaftskaptitäne in den Mittelkreis...so ganz geklärt ist die Geschichte nicht, wer genau die Beteiligten waren und was genau passierte; am Ende jedenfalls lag die Seite der Italiener oben und sie waren im Finale, welches dann im Olympiastadion in Rom stattfand.
Schiedsrichter war Gottfried Dienst, bekannt noch vom WM-Finale 1966 und auch dieses Mal sollte seine Leistung wenig befriedigend sein.  Die Jugoslawen gingen in der 39. Minute in Führung, die bis zur 80. Minute hielt – dann verhängte Dienst einen höchst zweifelhaften Freistoß für die Italiener; während er noch die Mauer der Jugoslawen dirigierte, legte sich Domenghini den Ball an einen ihm genehmen Ort, was der Schweizer geflissentlich übersah – stattdessen stellte er sich bei der Ausführung quasi mit in die Mauer und blockierte so einen Verteidiger.
Domenghini traf zum Ausgleich, der auch nach Ende der regulären Spielzeit hielt und mit dem sich beide Mannschaften auch durch die Verlängerung schleppten.
Im Wiederholungsspiel hatte Valcareggi einfach die größeren Reserven...die Jugoslawen schickten die selbe Elf aufs Feld, die Italiener tauschten auf fünf Positionen.
Luigi Riva, Sarde vom US Cagliari, Torschützenkönig der Saison 66/67, kam nach einem Beinbruch zu seinem ersten Einsatz, erzielte das 1:0, wonach der Widerstand der Balkankicker gebrochen war; noch in der 32. Minute gelang Anastasi von Varense das 2:0, welches zugleich den Endstand markierte.
Nach diesem Turnier wurde im Übrigen das Elfmeterschießen eingeführt und ersetzte solchen Unsinn wie Münzwürfe und Wiederholungsspiele (in der Bundesliga-Relegation hielt sich das Wiederholungsspiel allerdings bis in die 90er – der FC St. Pauli kann ein Lied davon singen). 
Italien war, wenn auch mit Naserümpfen, aber nach diesem Spiel verdient, Europameister.  Daß die Mannschaft es auch ohne Schiedsrichterhilfe kann, guten Fußball zu spielen, zeigte sie zwei Jahre später bei der WM in Mexiko beim Spiel des Jahrhunderts, dem 4:3 im Halbfinale gegen Deutschland.
Gerade dieses Spiel aber stellte eine Art Wegkreuzung für beide Nationen dar.
Denn für den deutschen Fußball war das eher der Anfang einer Serie...für Italien eher das Ende. Bei der EM 1972 scheiterte man im Viertelfinale an Belgien; 1974 bei der WM in der Vorrunde an Polen, Argentinien und Haiti, bei der EM 1976 war in der Vorrunde bereits Schluß. 1978 er wurstelte sich Italien das Spiel um Platz 3, was aber vornehmlich daran lag, daß Deutschland in Cordoba 2:3 gegen Österreich verlor.
Aber 1978 war eh ein Turnier, in dem der schön Fußball zu Grabe getragen wurde, da fiel die mangelnde Spielkultur der Italiener nicht weiter auf.
1980 war die EM reformiert worden; das Endrundenturnier mit vier Teilnehmern hatte sich als schwacher Magnet erwiesen und so gab es zwei Meinungen: die sozusagen deutsche Seite tendierte dazu, auch die Halbfinals im Europapokalmodus (Hin- und Rückspiel) auszutragen und nur das Finale frühzeitig an einen neutralen Ort zu vergeben.  Die andere – die italienische – Seite, bevorzugte die Lösung, die Gelddruckmaschine anzuwerfen und das Turnier aufzuwerten: eine echte Endrunde mit acht Mannschaften in zwei Gruppen. Der Gastgeber sollte automatisch qualifiziert sein.
Damit sollte auch der größeren Anzahl an Mitgliedsverbänden Rechnung getragen werden. Italien als Anwalt der Kleinen...der italienische Standpunkt setzte sich durch; doch als es um die Vergabe des Endturniers ging, war Schluß mit Anwalt.
Eine große Fußballnation sollte es sein, die das Turnier austragen sollte – damit wurde schnell klar, wen die Italiener meinten und ebenso, daß die Bewerber Schweiz, Griechenland und die Niederlande aus dem Rennen waren.
England katapultierte sich durch sein Hooligan-Problem raus, blieb noch Deutschland – aber die hatten ja schon die WM 1974 und Olympia 1972 gehabt – und Italien.
Also bekam Italien 1977 den Zuschlag (warum, wenn man die Erfolge der letzten Jahre nimmt, die Niederlande nicht als „große“ Fußballnation galten, wird auf ewig das Geheimnis der UEFA bleiben) – von Rechts wegen hätte man ihnen das Turnier gleich zwei Jahre später wieder wegnehmen müssen, nachdem die ersten Ausläufer des nationalen Wettskandals ruchbar wurden.
In den Kassen der Vereine der Serie A klafften Löcher von 25 Mio € Schulden, da reichten die Gelder von Totocalcio (staatliche Fußballlotterie!!!), dem Ligasponsor, bei weitem nicht aus. Also erhöhten die Vereine ihre Einnahmen, indem sie selber mitwetteten und natürlich auch gleich für die passenden Ergebnisse sorgten.
Am Ende der Ermittlungen mussten der AC Mailand und Lazio Rom zwangsabsteigen und das ganze Wirrwarr schlug auch auf die Stimmung bei der EM um.
In der Gruppe 1 mit Deutschland, der CSSR, den Niederlanden und Griechenland fanden die Spiele vor fast leeren Rängen statt: 26.500 in Neapel wollten noch Deutschland gegen die Niederlande sehen – nur 4.700 im Olympiastadion verfolgten CSSR gegen Griechenland. Spanien gegen England in der Gruppe 2 fand das Interesse von 14.400 Menschen in Neapel und selbst die Spiele der Italiener waren nie ausverkauft.
Italiens Trainer Bearzot, Spieler und Assistent unter dem großen Rocco, hatte das italienische System weiter perfektioniert. EIN Tor reichte zum Einzug in das kleine Finale um Platz drei (0:0 gegen Spanien, 1:0 gegen England, 0:0 gegen Belgien) und hätte die Squadra gegen Belgien ein zweites geschossen, dann wäre sogar das Endspiel drin gewesen. Aber mit ihrer defensiven Grundausrichtung waren die Italiener gar nicht in der Lage, mit Mann und Maus zu stürmen und die zaghaften Konter scheiterten regelmäßig an der belgischen Abseitsfalle.
Das Spiel war ein Augenschmaus für Taktikfreaks – ein 1-3-5-1 gegen ein lupenreines 4-4-2 ohne Libero – aber für einen Fußballfan muß es das reinste Grauen gewesen sein.
Die Zuschauer quittierten solcherlei Leistungen mit Wegbleiben.
Das Spiel um Platz 3 fand im Wohnzimmer der Italiener, in Neapel vor nur 24.700 Zuschauern. Die CSSR ging durch einen Sonntagsschuß in Führung, den Italienern gelang nur der Ausgleich). Nach einer ermüdenden Verlängerung schleppte sich denn auch noch das Elfmeterschießen schier endlos dahin, bis endlich Collovati als neunter Schütze antrat und Netolicka seinen Schuß im Nachfassen hielt.
Der Elfmeter ging nicht als „Neapel-Tor“ in die Fußballhistorie ein, obwohl die Italiener vehement reklamierten, der Ball hätte die Torlinie bereits überschritten.
Dem Schiedsrichter Linemayr blieb es vorbehalten, diesmal gegen die Italiener zu entscheiden und Barmos blieb es vorbehalten, dem Spuk ein Ende zu setzen.
Nach diesem Turnier wurde auch das Spiel um Platz drei abgeschafft (auch wenn darüber diskutiert wird, es 2016 wieder einzuführen); Italien ließ ausländische Kicker wieder zu in der Serie A und reformierte die Finanzierung der Liga, um sie sich auch leisten zu können...was aber nichts an der Tatsache änderte, daß die meisten Vereine immer noch hoch verschuldet sind.  Im Laufe der Jahre wurden dem AC Parma, dem AC Florenz und SSC Neapel die Lizenz entzogen, AC Turin und dem FC Messina wurden sie 2005 verweigert.
Im selben Jahr kamen auch die nächsten Manipulationsvorwürfe ans Licht: CFC Genua hatte ein Spiel gegen Venedig und somit den Aufstieg gekauft – Juventus Turin wurde wegen „strukturierten Sportbetrugs“ in die Serie B versetzt, die Meistertitel 2005 und 2006 wurden aberkannt, AC Mailand, AC Florenz und Reggina Calcio wurden mit drastischen Punktabzügen bestraft.
Als einer der wenigen Leistungsträger blieb Nationaltorwart Gianluigi Buffon der alten Dame Juve auch in der zweiten Liga treu...ausgerechnet Buffon ist nun - und ewig grüßt das Murmeltier – in einen erneuten Wettskandal verwickelt, der vor der EM ruchbar wurde. Im Moment ist der Deckel drauf, wohl um den Erfolg nicht zu gefährden.
A propos Erfolg...die 1980er Mannschaft stand nach den desaströsen Leistungen bei der EM im eigenen Land heftig in der Kritik ebenso wie der Trainer.
Bearzot (der Schweiger aus Friaul) tat das, was er am besten konnte: Schweigen!
Und in Ermangelung von einem Besseren hielt der Verband an ihm fest.
Und Bearzot hielt, in Ermangelung von Besserem, auch an seinen Spielern fest – einzige Neuerung: er berief Paolo Rossi in den Kader zurück, der 1980 wegen seiner Verwicklung in den Wettskandal für drei Jahre gesperrt worden war. Die Sperre wurde im April 1982 aufgehoben, Rossi fuhr mit zur WM nach Spanien, schoß – nach schwachen Leistungen in der Vorrunde – alle drei Tore zum 3:2 Sieg über Brasilien, beide Treffer beim 2:0 Halbfinalsieg über Polen und das 1:0 im Finale gegen Deutschland...Rossi wurde Torschützenkönig und Italien Weltmeister.
Italienische Geschichten halt.



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