Dienstag, 12. Juni 2012

TSCHECHIEN


TSCHECHIEN



FIFA-Weltrangliste
26.
UEFA-Koeffizient (Platz)
18.
EM-Titel
1976
EM-Teilnahmen bisher
1960 / 1976 / 1980 / 1996 / 2000 / 2004 / 2008
EM-Qualifikation
Sieger Play-offs gg Montenegro (2:0 / 1:0)
Rekordspieler
Karel Poborsky (118)
Rekordtorschütze
Jan Koller (55)
EM-Bilanz gegen GER
1976:  5:3 n.E. (Finale)  - als Tschechoslowakei
1980:  0:1 (Vorrunde) – als Tschechoslowakei
1996:  0:2 (Vorrunde)
           1:2 GG (Finale)
2004:  2:1 (Vorrunde) 

Es gibt drei sogenannte Überraschungs-Europameister.
Das sind die 2004er Griechen, die 1992er Dänen und als Mutter aller Überraschungserfolge der Sieg der Tschechoslowaken von 1976.
Allen drei Mannschaften war eines gemeinsam: sie bestanden vor allem aus einem starken Kollektiv, das ohne allzu große Einzelkönner auskam.
Alle drei Mannschaften hatten in genau jenem Turnier ihre „goldene Generation“ zusammen, dazu kam eine Menge Los- und sonstiges Glück und auch die Schwäche der anderen großen Nationen – Faktoren, die nie wieder so zusammenkommen sollten.
Bei den Tschechen sollte es noch eine zweite goldene Generation geben, allerdings hatte das Land ein Problem, das vielleicht einen weiteren größeren Erfolg verhindern sollte:
Es war ihr 1992 ein Teil des Ganzen abhanden gekommen, und vielleicht sogar der bessere Teil...die großen Erfolge hatte man als Tschechoslowakei errungen und nicht als Tschechien...wie im Falle der Sowjetunion oder Jugoslawiens hatten die Einzelteile nicht mehr die Klasse der Gesamtheit.
1960 wurde die CSSR Dritter bei der ersten Europameisterschaft, im 14 köpfigen Kader damals standen sieben Tschechen und sieben Slowaken, sieben Slowaken standen auch im Aufgebot jener 22 Spieler, die 1962 in Chile Vizeweltmeister wurde.
Es kam eine Zeit der Trübsal – 1964, 1968 und 1972 war die CSSR nicht bei der EM dabei, verpasste die WM 1966 und 1974 – 1970 (11 Slowaken, 11 Tschechen) erwischte man mit Brasilien und England eine Hammergruppe und schied in der Vorrunde aus.
Die große Stunde schlug 1976 – in der Qualifikation zur EM setzte man sich gegen England, Portugal und Zypern durch.
Im Viertelfinale ging es dann gegen den großen sozialistischen Bruder, die UdSSR.
Wenige Monate zuvor hatte die Eishockeymannschaft der CSSR sensationell die WM gewonnen, nun war es an den Fußballern, es den Kufenbrüdern bei der EM gleichzutun.
Das Hinspiel gewann die CSSR mit 2:0, die Tore paritätisch verteilt: Moder war Slowake, Panenka Tscheche.  Im Rückspiel reichte dann ein 2:2, wobei diesmal Moder zweimal traf und die CSSR war damit bei der Viererendrunde in Jugoslawien dabei, neben dem Gastgeberland, Weltmeister Deutschland und Vizeweltmeister Niederlande.
Diesmal war der Kader eher unparitätisch besetzt...14 Spieler, darunter die komplette Abwehrformation, spielten für slowakische Vereine.
Bei den Vier Teilnehmern war wohl klar, was die Fachwelt tippte, wie das Endspiel lauten würde. Die Deutschen erfüllten ihre Aufgabe gegen den Gastgeber mit Mühe, aber die Niederlande scheiterten überraschend.
Das Spiel war eine üble Treterei, was man ansich von den beiden Nationen, die eher für filigranen Fußball standen, nicht erwartet hatten...wenn ein walisischer Schiedsrichter drei rote Karten verteilt, dann muß schon einiges vorgefallen sein.
Die Niederländer griffen ansich permanent an, aber die Führung erzielte mit Ondrus ein slowakischer Abwehrspieler (20.). Leider war derselbe auch mit einem Eigentor auch für den Ausgleich verantwortlich (73.). Da spielte die CSSR schon zu zehnt, nachdem in der 60. Minute Pollak vom Platz geflogen war. Dolch auch hier glichen die Niederländer aus – 76. Minute: Rot für Neeskens.
Das Spiel ging in die Verländerung, mit Vezely kam ein tschechischer Stürmer für den slowakischen Mittelfeldmann Moder – wieder spielte ansich nur die Niederlande, aber der Tscheche Nehoda machte in der 114. Minute das Tor. Dann flog auch noch Van Hanegem vom Platz und kurz vor Schluß erzielte Vezely den 3:1 Endstand.
Endspiel, Deutschland der Gegner...waren die Niederländer von 74 von filigranen Technikern zu Tretern mutiert, waren die Deutschen von 1976 die ersten Rümpelfüßballer...da waren zwar noch große Namen, doch statt Breitner, Overath und Beckenbauer waren nun Beer, Dietz und Bongartz auf dem Platz, die eher für solides Handwerk denn für Fußballkunst standen...zum Glück gab es noch-wieder einen Müller, auch wenn der nicht mehr Gerd, sondern Dieter hieß, der die Deutschen mit drei Toren erst in dieses Halbfinale gebracht hatte.
Müde schleppten sich die Deutschen dahin, vor allem die „Alten“ und lagen bereits nach 25 Minuten mit 0:2 hinten...aber sie kraftmeierten sich heran, Müller gelang quasi im Gegenzug nach dem zweiten Tor für die CSSR der Anschluß und kurz vor Abpfiff erzielte Hölzenbein den Ausgleich. Die Verlängerung blieb torlos, so daß zum ersten Mal in einem Finale eines großen Turniers das Elfmeterschießen entschied.
Die Schlagworte dazu sind bekannt...Masny, Nehoda, Ondrus und Jurkemik treffen für die CSSR, Bonhof, Flohe und Bongartz treffen für Deutschland...dann schießt Uli Hoeneß den Ball in den „Belgrader Nachthimmel“ und Panenka gibt den „Schweijk“...schickt den Maiersepp mit einer Körpertäuschung in eine Ecke und lupft den Ball dann in die Mitte.
Die Deutschen sollten sich vier Jahre später revanchieren, indem sie den Titelverteidiger in der Vorrunde mit 1:0 schlugen. Der dritte Platz von 1980 und der Olympiasieg waren die letzten großen Erfolge des CSSR-Fußballs bis zur WM 1990.
Da allerdings hieß die CSSR bereits CSFR, neun der ehemaligen Staatsamateure verdienten inzwischen ihr Geld im Ausland, darunter auch zwei beim FC St. Pauli.
Und wieder einmal waren die Aufgaben paritätisch verteilt: die Slowaken um Jan Kocian stellten das Gros der Defensive – für die Kreativität und das Toreschießen waren in der Regel Tschechen zuständig.
Wieder scheiteten die Tschechoslowaken an Deutschland, im Viertelfinale, obwohl sie lange Zeit die bessere Mannschaft waren trotz eines kuriosen Platzverweises: Moravcik war in der 70. Minute wegen ungebührlichen Schuhschleuderns des Feldes verwiesen worden...ihm war in einem Zweikampf sein Schlappen ausgezogen worden; er sammelte ihn auf, als er feststellte, daß die Freistoßentscheidung gegen ihn ging, warf er ihn wütend auf den Boden, was der Schiri als ungebührliches Benehmen ansah.
Obwohl die CSFR bereits zum 31.12.1992 aufgehört hatte, zu existieren, spielte eine gemeinsame Nationalmannschaft die Qualifikation zur WM 1994, scheiterte dort aber.
Nicht wenige sahen darin eine heilsame Trennung, als es den Tschechen ohne die Slowaken gelang, sich gegen die favorisierten Niederländer und Norweger für die EM 1996 zu qualifizieren.
Wieder einmal spielten die Deutschen Schicksal; das Vorrundenspiel ging 0:2 verloren, weil aber die Deutschen den Italienern im letzten Gruppenspiel ein 0:0 abtrotzten, kamen die Tschechen als Gruppenzweiter ins Viertelfinale.
Obwohl von dieser ersten goldenen Generation um Nedved, Berger, Smicer, Poborsky und Kuka vor allem die Namen der Offensiven haften blieben, war es in den K.O. Spielen vor allem die Defensive, die den Tschechen das Finale sicherten.
Ein ermauertes 1:0 gegen Portugal, ein 6:5 im Elfmeterschießen gegen die Franzosen, als erst Pedros an Kuba scheiterte und dann Kadlec verwandelte.
Im Finale hieß der Gegner dann wieder Deutschland und 20 Jahre nach Belgrad revanchierten sich die Deutschen für die Finalniederlage damals durch zwei Bierhoff-Tore und einen schweren Patzer des Elfmeterhelden Kuba.
Danach schafften es die Tschechen es jedes Mal, sich für eine EM zu qualifizieren und galten irgendwie immer als Geheimfavoriten; doch bis auf 2004 gelang kein großer Wurf mehr; wie sehr sich die Zeiten geändert hatten, zeigt ein Blick auf die zwei Kader von 1996 und 2004: waren 1996 von 22 Akteuren noch 16 in Tschechien unter Vertrag, so verdienten 2004 nur noch fünf Spieler ihr Budweiser in der heimischen Liga.
Immerhin konnte man im letzten Gruppenspiel der Vorrunde mit einer sogenannten „B-Elf“ die deutsche Ü-30 nach Hause schicken und so für den Abgang von Rudi Völler sorgen. Stern des Turniers wurde der 23jährige Milan Baros; erst Deutschland mit seinem Siegtor erledigt, dann Dänemark im Viertelfinale mit zwei Treffern erledigt, mit fünf Treffern Torschützenkönig.
Das Drama kam im Halbfinale, als sich Nedved in der ersten Halbzeit verletzte...damit fehlte den Tschechen ihr Kopf, ihr Herz und ihre Lunge; sie versemmelten die allerbesten Chancen und den Griechen reichte eine einzige in der Nachspielzeit der ersten Hälfte der Verlängerung.
Es war dies der langsame schleichende Abschied der goldenen Generation; 2006 scheiterte man in der WM Vorrunde an Italien, Ghana und den USA – 2008 bei der Euro in der Vorrunde an der Schweiz, Portugal und der Türkei.
2010 war sogar schon nach der Qualifikation für die WM Schluß, wo man – oh größte anzunehmende Schmach – dem einstigen Brudervolk der Slowaken den Vortritt lassen musste (und den Slowenen).
Die Qualifikation zur Euro 2012 gelang nur mit Mühe: Tschechien wurde Gruppenzweiter hinter Spanien, aber mit nur 13 Punkten aus acht Spielen und mühte sich zu zwei Siegen in den Play Offs gegen Fußballzwerg Montenegro (2:0 – 1:0).
Von den Helden von 2004 ist kaum noch einer dabei...und die alten Helden sind müde.  


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