Mittwoch, 30. Mai 2012

POLEN


POLEN



FIFA-Weltrangliste
65.
UEFA-Koeffizient (Platz)
24.
EM-Titel
keiner
EM-Teilnahmen bisher
2008
EM-Qualifikation
Gastgeber
Rekordspieler
Michael Zewlakow (102)
Rekordtorschütze
Wlodzmierz Lubanski (48)
EM-Spiele gg GER
2008:  0:2 (Vorrunde)

Die EM 2012 ist immerhin das zweite europäische Turnier in Folge, an dem Polen teilnimmt. Ob das jedoch auch ohne die Gastgeberrolle gelungen wäre, darf zumindest bezweifelt werden, denn für die WM 2010 war die Qualifikation nicht gelungen, da landete man relativ kläglich auf Platz 5 in einer Gruppe hinter der Slowakei, Slowenien, Tschechien und Nordirland und vor San Marino. Und es ist auch die zweite EM erst überhaupt, an der Polen in der Endrunde teilnimmt.
Die polnische Mannschaft dürfte eine rechtschaffene Wundertüte sein; die meisten Spieler verdienen zwar inzwischen ihr Geld im Ausland, darunter sind auch drei aktuelle deutsche Meister (Kuba, Piszczek und Lewandowski). Aber, mal abgesehen von Lukasz Fabianski und Wojchiech Szczesny, Ersatztorleute bei Arsenal London, sind das doch eher nicht die allerbesten Adressen in Europa.
Die große Zeit des polnischen Fußballs liegt schon relativ lange zurück:
1972 wurde die Mannschaft aus „Staatsamateuren“ Olympiasieger und sorgte auch bei der WM 1974 für Furore, als man erst durch die „Wasserschlacht von Frankfurt“ gegen Deutschland das Finale verpasste und letztendlich Dritter wurde.
Vier Jahre später reichte es ebenfalls für die zweite Finalrunde, aber dort nur zu einem Sieg gegen Peru – 1982 wurde man erneut Dritter (3:2 gegen Frankreich), nachdem man das Halbfinale gegen den späteren Weltmeister Italien 0:2 verloren hatte.
1986 reichte es mit einer überalterten Mannschaft gerade noch zum Achtelfinale, dann war erst mal Funkstille für 16 Jahre.
Die Ausrufung des Kriegsrechts 1982 lähmte den polnischen Fußball; Spieler, die ins Ausland gingen, liefen nicht mehr für ihr Land auf – und mit der Demokratisierung wurde es dann nicht besser. Der polnische Fußballverband versank in einem Sumpf von Manipulation und Korruption, für ein vernünftiges Nachwuchssystem war bei Verband und Vereinen offenkundig kein Geld. Das befindet sich seit der Vergabe der EM 2012 an Polen und die Ukraine (2005) gerade erst im Aufbau.
Bezeichnend für die Not Polens ist die Karriere von Emmanuel Olisadebe, geboren und aufgewachsen in Nigeria, der 1997 nach Polen kam und drei Jahre später, als 22jähriger eingebürgert wurde, um 25 Länderspiele für Polen zu bestreiten, als erster dunkelhäutiger Nationalmannschaftsspieler.
Spätestens seit 2009, als Franciszek Smuda das Amt des Nationaltrainers übernahm, geht der Verband auch einen zweiten Weg, der mit der besonderen Geschichte Polens zusammenhängt, vor allem mit der gemeinsamen Geschichte Polens und Deutschlands.
Mit Miroslaw Klose und Lukas Podolski stehen zwei Bundesligaspieler polnischer Herkunft in Reihen aktuellen der deutschen Nationalmannschaft. Pjotr Trochowski trug das selbige Leibchen 35 mal, ebenfalls in Polen geboren. Dariusz Wosz spielte 7mal für die DDR und 17 mal für Deutschland, auch er in Polen geboren.
Smuda ist in Lubomia geboren, das ebenso wie die Geburtsorte von Klose, Podolski und Wosz in Oberschlesien liegt, und wie die drei besitzt er damit auch qua Grundgesetz (Art. 116) die „deutsche Volkszugehörigkeit“ und damit auch das Recht auf die deutsche Staatsangehörigkeit. (Für Trochowski gilt das gleiche mit dem 116, bloß daß sein Geburtsort im ehemals deutschen Pommern liegt).
Aber mit dem Fußballdeutsch- oder Polentum ist das ja so eine Sache...denn auch wenn die Deutschen die „Volksdeutschen“ und ihren Abkömmlingen die deutsche Staatsangehörigkeit gewähren, so sind Oberschlesien, Pommern und Ostpreußen natürlich heute polnisches Staatsgebiet.
Und so schickte Smuda seine Scouts in alle Welt (oder zumindest nach Europa), um Stammbaumsichtung zu betreiben und sie wurden dort auch fündig:
Sebastian Boenisch, geboren 1987 in Polen, seit 1988 in Deutschland, Profi bei Werder Bremen – Eugen Polanski, in Polen geboren, in Viersen aufgewachsen, Profi beim 1. FSV Mainz 05 (spielte sogar für die deutsche U21) – Adam Matuschyk, in Polen geboren, in Merzig aufgewachsen, inzwischen Profi bei Fortuna Düsseldorf.
Alles drei „Volksdeutsche“ und jetzt polnische Nationalspieler.
Fündig wurden die Stammbaumscouts auch in Frankreich bei Damien Perquis (FC Sochaux) und Ludovic Obraniak (Girondins de Bordeaux).
Ebenso fündig wurde man wohl in Schweden bei Ivo Pekalski, der zwar schon für den schwedischen A-Kader nominiert war, aber verletzungsbedingt absagte. Für den EM-Kader scheint er jedoch noch nicht nominiert zu sein.
Die Presse nennt jene Wiedereingebürgerten durchaus skeptisch und auch etwas abfällig „Obcokrajowcy“ (Ausländer)...in Anlehnung an jene Spieler, die 1938 für Polen zur ersten WM-Teilnahme geführt hatten und dort in einem der besten Spiele der WM Geschichte im Achtelfinale 5:6 nach Verlängerung gegen Brasilien verloren.
Auch damals standen im polnischen Kader viele Spieler aus jenem geschichtsträchtigen Revier Schlesien:
Ernst Willimowski: schoß damals gegen Brasilien vier Tore, spielte damals für Ruch Chorzow, der bis 1922 SV Bismarckshütte geheißen hatte; unterschrieb nach dem Einmarsch der Deutschen die Deutsche Volksliste und wechselte danach zum PSV Chemnitz. Von 1934 bis 1939 bestritt er für Polen 22 Länderspiele (21 Tore), 1941/42 spielte er achtmal für Deutschland (13 Tore).
Friedrich Scherfke schoß ein Tor in diesem Spiel; er stammte aus Posen und spielte für Posen, zunächst für Warta (1925 – 1939), dann für den 1. FC, der nur deutschen Staatsangehörigen offenstand (1940) – er bestritt 12 Nationalspiele für Polen bis 1938, ließ sich auch 1939 in die Deutsche Volksliste eintragen.
Er galt in Polen lange Zeit als Verräter und Kollaborateur, der auch mit der SS zusammengearbeitet haben sollte, doch solcherlei Vorwürfe wurden inzwischen entkräftet – vielmehr hatte Scherfke ehemalige Vereinskameraden vor Aktionen der Deutschen gewarnt und seine Kontakte genutzt, um ehemalige Mitspieler vor Deportation und Zwangsarbeit zu schützen.
Der vielleicht beste polnische Fußballer aller Zeiten entschied sich damals auch gegen das Land seiner Vorfahren: Raymond Kopasszewski, geboren 1931 in Noeux les Mines im nordfranzösischen Kohlerevier, wohin es ganze Generationen von polnischen Gastarbeitern damals verschlagen hatte.
Der Fußball wurde für Raymond Ventil und Möglichkeit, der Schufterei unter Tage zu entkommen; bereits mit 11 spielte er für die Junioren, mit 14 für die Jugendmannschaft und ab 16 für das Herrenteam seines Vereins.
1949 bekam er seinen ersten Profivertrag bei SCO Angers, wo es die erste Maßnahme seiner Trainers und Gastvaters war, den Nachnamen seines Schützlings in KOPA zu ändern, weil das französischer klang. Für die Summe von 1,8 Millionen Francs wechselte er 1951 zu Stade Reims, mit denen er zweimal Meister und einmal Vize wurde.
Im selben Jahr nahm er die französische Staatsbürgerschaft an und lief erstmals für die Equipe Trikolore. 1954 und 1958 führte er Frankreich zur WM; 1958 wurde Frankreichg Dritter in der Endrunde und Kopa zum Spieler zum besten Spieler des Turniers gewählt. Außerdem wurde er Europas Fußballer des Jahres.
Mit Stade Reims stand er 1956 im Finale um den Europapokal der Landesmeister, den er dann, nach seinem Wechsel, mit Real Madrid von 1957 – 1959 gewann.
Mit Real wurde er 1957 und 1958 spanischer Meister, was ihm nach seiner Rückkehr nach Frankreich 1960 und 1962 mit Stade Reims erneut gelang.
Erst zu seiner goldenen Hochzeit, im Jahre 2003 betrat er zum zweiten Mal das Land, aus dem seine Vorfahren einst ausgewandert waren; vorher war er nur anlässlich eines Freundschaftsspiels dort gewesen. Er kommentierte die Reise lakonisch mit den Worten: „ich wäre lieber nach Rom gefahren.“  Polen war für ihn zeitlebends Ausland gewesen und hätte ihm nur ein Leben als „Schwarzfresse“ unter Tage geboten. Der Fußball und Frankreich hatten ihm die Möglichkeit geboten, diesem Leben zu entkommen.
Inzwischen ermöglicht es die polnische Staatsbürgerschaft Spielern, die sonst nicht zu solchen Ehren gekommen wären, immerhin die Teilnahme an der Fußball EM für ihr „neues“ altes Heimatland.
Daß die polnische Mannschaft es bei diesem Turnier weit bringen wird, darf zumindest arg bezweifelt werden; auch der Heimbonus wird da wohl kaum weiterhelfen.
Von 13 Turnieren bisher wurden nur drei durch die Gastgeber gewonnen, das waren 1964 Spanien, 1968 Italien und 1984 Frankreich, wobei bei den ersten beiden Turnieren eh nur vier Nationen in der Endrunde standen. Der letzte große Erfolg einer Mannschaft im eigenen Land war das Vordringen Portugals ins Finale 2004. 

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